Wir alle hatten das Glück, in der Person Adolf Horions
einen überaus kenntnisreichen und unermüdlichen, geradezu besessenen
Faunisten zu haben, der neben zahlreichen Einzelarbeiten 12 Bände
seiner "Faunistik der mitteleuropäischen Käfer" herausgab und
1951 sein "Verzeichnis der Käfer Mitteleuropas (Deutschland, Österreich,
Tschechoslowakei)" veröffentlichte. Jahrzehntelang waren diese Werke
wesentliche Grundlagen für die Käferfaunistik in Deutschland,
im Grunde sind sie es heute noch, denn gerade bei der Ausarbeitung des
vorliegenden Bandes haben Herausgeber und Autoren oft zu den Schriften
Horions gegriffen. Sein Verzeichnis ist so bedeutsam, daß es sogar
einen Zeithorizont markiert. A. M. J. Evers schätzte 1951 in einer
Rezension des Horion-Verzeichnisses dessen unmittelbare Wirksamkeit mit
50 Jahren ein. Damit hat er recht genau vorausgesehen, wann Zeit und Umstände
die Herausgabe eines neuen "Verzeichnis der Käfer Deutschlands" ermöglichen
werden.
Ein
neues Verzeichnis ist jedenfalls dringend erforderlich, denn die taxonomischen
Änderungen seit Horion (1951) sind enorm, und auch die faunistischen
Kenntnisse haben sich gewaltig vermehrt, so stark, daß der Datenfundus
kaum noch zu überblicken ist, und Wissenslücken nicht mehr zu
erkennen sind. In der Nomenklatur haben wir auf der Basis der Bände
2 bis 11 des Freude-Harde-Lohse, die Supplementbände 1 bis 3 und auch
die Korrekturabzüge des 4. Supplementbandes berücksichtigt. Damit
dürfte für jeden Benutzer ein leichter Übergang zur Bestimmungsliteratur
und anderen Werken möglich sein, zumal wichtige Synonyme im Anhang
nachgeschlagen werden können.
Wir
haben uns bemüht, die enorme Menge der publizierten faunistischen
Angaben ebenso in das vor liegende Verzeichnis einfließen zu lassen,
wie mög lichst viele noch nicht veröffentlichte Daten aus der
eigenen Tätigkeit der Mitarbeiter und aus der Revision von Sammlungen,
die in Museen deponiert sind. Diese Aufgabe war insgesamt nur in Zusammenarbeit
der vielen Autoren und Mitarbeiter möglich. Jetzt liegt in den Tabellen
ein vergleichsweise vollständiger Überblick des gegenwärtigen
Erforschungsstandes vor, und es gibt eine zusammenfassende statistische
Auswertung, die den Arbeitsstand dokumentiert. Texte zu den einzelnen Regionen
geben eine kurze spezifische Einführung zum Stand der Erforschung
der Käferfauna der jeweiligen Gebiete. Auf einführende Texte
zu den einzelnen Familien haben wir verzichtet, dennoch waren an der Ausarbeitung
auch Spezialisten für verschiedene Taxa beteiligt, so daß ein
"Kreuztest" der einzelnen Einträge stattfand.
Insgesamt
enthält die diesem Verzeichnis zu Grunde liegende Datenbank über
76.000 Einträge. Jedes einzelne Symbol im Verzeichnis kann durch wenigstens
eine Quelle belegt werden. Die Quellen können jedoch nicht für
jede Art und Region mit gedruckt werden, das hätte den Umfang des
Buches wesentlich erweitert. Sie sind später auf einem Datenträger
verfügbar. Hier sind nur die wichtigsten Quellen summarisch im Literaturverzeichnis
(viele Titel sind Kompendien weiterer verarbeiteter Quel len) und im Verzeichnis
der Sammlungen zusam mengefaßt.
Wir
verstehen dieses Buch als eine mit großem, aber vertretbarem Aufwand
erstellte Übersicht zu den gegenwärtigen Kenntnissen über
die Käferfauna Deutschlands in den einzelnen Regionen. Ein solches
Verzeichnis ist natürlich nicht starr, sondern dokumentiert nur einen
Zeithorizont, so daß alle Koleopterologen aufgerufen sind, an einer
Fort schreibung mitzuarbeiten. Wir sind uns auch bewußt, daß
wir manches übersehen haben. Vielleicht werden die vorgelegten Listen
ein Anstoß sein, eigene Ergebnisse bekannt zu geben und Lücken
zu schließen. Die Fülle der bereits eingearbeiteten Kenntnisse
gibt uns den Mut, auf das Wort "vor läufig" im Titel des Verzeichnisses
zu verzichten - ein solches Verzeichnis ist immer vorläufig.
Die
Beschränkung des vorliegenden Buches auf Deutschland hat mehrere Gründe.
Zum einen hätte es die Kräfte der Arbeitsgruppe überfordert,
die Grenzen unseres Landes zu überschreiten. Zweitens sind in den
Nachbarländern ähnliche aktuelle Arbeiten erschienen (Hansen
1996, Jelinek 1993, Lundberg 1995) oder werden vorbereitet, z. B. für
die Schweiz (Besuchet 1993). Drittens gibt der Katalogband von W. Lucht
(1987), einschließlich der Ergänzungen in den Supplementbänden
1 bis 3 zum Freude-Harde-Lohse einen guten Überblick zur Verbreitung
der einzelnen Arten in den Nachbar ländern.
Die
Herausgabe dieses Käferverzeichnisses ist ein gebettet in umfassendere
Vorhaben der Entomofaunistischen Gesellschaft e. V. zur weiteren För
derung der Erforschung der Verbreitung der Insekten Deutschlands. Es soll
einerseits ein "Verzeichnis der Insekten Deutschlands" in mehreren Bänden
(wahrscheinlich sechs) erscheinen (Nahziel), andererseits die Arbeit an
einer ausführlichen Fauna, der "Ento mofauna Germanica" (Fernziel)
voran gebracht werden. Da es sehr schwierig sein dürfte, in über
schaubarer Zeit eine ausführliche Faunabearbeitung vorzulegen, andererseits
eine aktuelle Faunenüber sicht schon wegen der Folgen der einschneidenden
Umweltveränderungen dringend erforderlich ist, wird zunächst
vorrangig die Herausgabe eines "Ver zeichnis der Insekten Deutschlands"
vorangetrieben (Klausnitzer 1991, 1994c, 1995a, 1995b), dessen erster Band
hiermit vorgelegt wird.
Bei
schlecht bearbeiteten Taxa kann schon eine lückenhafte tabellarische
Darstellung als erster Arbeitsschritt von Nutzen sein (z. B. innerhalb
der Hymenoptera und Diptera). Die Vollständigkeit des "Verzeichnis
der Insekten Deutschlands" hinsichtlich der Artenliste ist für diese
Fälle wichtiger als die Möglichkeit, alle Spalten mit Symbolen
zu füllen. Es werden sich ohnedies die Lücken in den regionalen
Kenntnissen meist recht störend bemerkbar machen, deren Existenz auch
aus "Verbreitungskarten" der Entomologen hervorgeht, wie sie gelegentlich
publiziert wurden. Jedes Verzeichnis sollte jedoch, wenn immer möglich,
das Vorkommen der einzelnen Arten in den großen administrativen Einheiten
(Ländern) Deutschlands erkennen lassen. Für manche Bundesländer
mit erheblicher Ausdehnung (BW, BY, NW, RP, NI) ist für verschiedene
Insektengruppen eine Binneneinteilung möglich, die selbstverständlich
Berücksichtigung finden sollte. Auf eine Ordnung nach einer naturräumlichen
Gliederung muß vorläufig verzichtet werden.
Die
Faunistik der Insekten als Teildisziplin der Zoogeographie ist fast ausschließlich
die Domäne der in ihrer Freizeit nebenberuflich tätigen Entomologen,
vor allem lokal und regional haben diese hervorragende Ergebnisse erzielt
(Klausnitzer 1997a). Faunistik spielte in akademischen Institutio nen mit
wenigen Ausnahmen nie eine große Rolle. Seit einigen Jahren scheint
diese Tendenz noch zuzunehmen. Große Bedeutung kommt deshalb den
entomologischen Vereinen und Gesellschaften zu, von denen es in Deutschland
etwa 50 gibt. Ohne die Zusammenarbeit der verschiedenen koleopterologisch
arbeitenden Vereinigungen in Deutschland wäre auch das vorliegende
Verzeichnis nicht zustande gekommen.
Die
Vorgehensweise bei der Ausarbeitung von faunistischen Verzeichnissen hängt
naturgemäß stark von der jeweiligen Insektengruppe ab. Bei (vielfach
artenarmen) Gruppen mit wenigen Bearbeitern/Inter essenten sollte das Prinzip
angestrebt werden, daß der (meist einzelne) Autor möglichst
alle Tiere selbst sieht (zentrale Bearbeitung). Bei (oft artenreichen)
Gruppen mit (meist) vielen Bearbeitern/ Interessenten erweisen sich Arbeitskreise
(Autorengruppen) als sinnvoll, in denen, wenn möglich, wenigstens
ein kompetenter Vertreter für jedes Bundesland vertreten sein sollte.
Die Bearbeitung erfolgt zunächst dezentral, die Ergebnisse werden
zu einem späteren Zeitpunkt zusammengeführt. Dieses allgemeine
Prinzip fand bei den Käfern Anwendung. Die Erfahrungen unseres Arbeitskreises
könnten deshalb vielleicht auch für die Bearbeiter anderer Insektengruppen
hilfreich sein.
Es
wird angestrebt, im Interesse der Vergleichbarkeit und Zusammenfassung
für die verschiedenen Bände eine möglichst weitgehend einheitliche
äußere Form zu finden, die für alle Insektenordnungen verwendbar
ist, aber natürlich wegen des Spezifikums der einzelnen Taxa ihre
Grenzen hat. So sollten die Bearbeiter anderer Insektengruppen unsere Vor
gehensweise (siehe Methodik-Kapitel) auf Übernehmbarkeit überprüfen.
Die Faunistik dokumentiert die Artenvielfalt (Biodiversität).
Sie sollte deshalb von der Aktualität dieses Themas, den einschlägigen
internationalen Verträgen und Verpflichtungen profitieren, außerdem
dokumentiert sie als einziges Teilgebiet der Zoologie die Oszillationen
(Arealprogressionen, Arealregressionen) bis zum völligen Verschwinden
von Arten. Sie hat seit einigen Jahren einen starken Umbruch auf methodologischem
Gebiet und in ihrer theoretischen Basis erfahren. Eine erhebliche Erwei
terung der Anwendungsgebiete hat zu einer Zunahme ihrer Wertschätzung
geführt. Wir hoffen sehr, daß wir mit dem vorliegenden Band
einen weiteren Beitrag zur Akzeptanz dieses Teilgebietes der Zoologie leisten.
Natürlich
wissen wir nicht, wer das vorliegende Verzeichnis tatsächlich benutzen
wird. Wir stellen uns aber vor, daß es bei allen faunistisch arbeitenden
und interessierten Entomologen, vor allem natürlich den Koleopterologen
zur Standardliteratur zählen wird. Wir stellen uns auch vor, daß
es für die vielfältigen Anwendungsgebiete im Natur- und Umweltschutz
bis hin zur Umweltbegutachtung eine wichtige Grundlage darstellt. Eine
Anwendung hat es bereits vor der Publikation gegeben: die vorhandenen Daten
konnten für die im Druck befindliche neue Rote Liste der Käfer
für die Bundesrepublik Deutschland (Geiser 1998) zur Verfügung
gestellt werden.
Die
Herausgeber haben guten Grund, sich bei vielen Entomologinnen und Entomologen
sehr herzlich zu bedanken. Das sind die Autoren und die zahlreichen Mitarbeiter,
das sind jene Käferkundler, die wichtige und unerläßliche
Voraussetzungen für das Verzeichnis schufen, aber leider nicht mehr
unter uns weilen, das sind unsere käferkundlichen Lehrer, und es sind
die "weisen Alten", wie zum Beispiel die Freunde Lucht und Evers. |